Donnerstag, 16. April 2009
Lehrfreiheit an der Freien Universität Berlin
In meinem Artikel „Hegemonie und Statistik in der deutschen Psychologie“ (s. meine homepage https://userpage.fu-berlin.de/~leiser) hatte ich darüber berichtet, wie im Studiengang Psychologie der FU Berlin systematisch und gnadenlos meine Tätigkeit als Lehrender im Bereich Statistik/Methodenlehre zerstört wurde. Es gab in diesem Prozeß eine Schlüsselszene, die sich mir eingeprägt hat. Der damalige Stellvertreter des Dekans, mit dem ich zufällig im Kopierraum zusammentraf, fragte mich (das "Du" hatte sich aus früheren Zeiten erhalten): "Warum bestehst Du eigentlich so hartnäckig auf dem Erhalt Deiner Statistikveranstaltung? Du hast doch die Freiheit, etwas zu anderen und interessanteren Themen anzubieten, über die Du arbeitest". Ich antwortete damals: "Und warum besteht Ihr so hartnäckig darauf, meine sehr erfolgreiche Statistikveranstaltung abzuschaffen?" Am Ende - vor nun über 10 Jahren - warf ich das Handtuch und bot ab 2002 tatsächlich Seminare zu einer völlig anderen Thematik an, die immer mehr in das Zentrum meiner theoretischen und praktischen Arbeit gerückt war: der Körper in der Psychoanalyse.
Das ging bis zum Jahr 2007 gut, als die Verantwortliche für das Fach "Klinische Psychologie", in dessen Rahmen meine Veranstaltung naturgemäß angeboten wurde, unversehens herausfand, meine Seminare wären schon hinsichtlich ihrer Begrifflichkeit nicht auf der Höhe der Zeit, da ich von "Psychosomatik" reden würde (ich ziehe aus guten Gründen diesen Begriff dem DSM-IV Terminus "somatoforme Störungen" vor) und hätten daher im Studienplan der "Klinischen Psychologie" keinen Platz. Da es sich um das letzte Lehrangebot zur Psychoanalyse im Studiengang handelte, mobilisierten sich die Studenten und konnten schließlich durchsetzen, daß die Veranstaltung doch noch zugelassen wurde.
Mit der nächsten, für dieses Sommersemester geplanten, Veranstaltung zum gleichen Themenkreis, dieses Mal mit besonderem Schwerpunkt auf der Rolle des Körpers in der klinischen Arbeit, wurde dann "kurzer Prozeß gemacht". Die gleiche Kollegin teilte mir lakonisch mit, daß meine Veranstaltung "einfach nicht in unser Programm paßt". Des sinnlosen Kämpfens gegen diese Verwalter einer neuen Hegemonie überdrüssig und mit deren totalen Mangel an Bereitschaft und/oder Kompetenz konfrontiert, über die Relevanz meiner Veranstaltung für die "Klinische Psychologie" inhaltlich zu diskutieren, entschied ich zunächst, meine Lehrtätigkeit an der FU Berlin bis auf weiteres zu suspendieren. Nach einem Monat "Verdauungsarbeit" stachen mir dann aber die Parallelen zur Abschaffung meines Ansatzes zur Statistik/Methodenlehre derart ins Auge, daß ich im Oktober 2008 beschloß, diesen Prozeß einer galoppierenden Verengung und Gleichschaltung des Psychologieverständnisses im Studiengang Psychologie der FU Berlin doch noch einmal zum Gegenstand einer psychologiegeschichtlichen Untersuchung zu machen, in einer Veranstaltung mit dem absichtsvoll pointierten Titel „Von der Kritischen Psychologie zur Langeweile: Entwicklungen am Studiengang Psychologie der Freien Universität aus psychologiegeschichtlicher Sicht." (mit dem Wort „Langeweile“ beschreiben Studenten immer häufiger ihre Erfahrung mit der Lehre). Da ich diese Veranstaltung aber für die Rubrik "Ergänzendes Lehrangebot" ankündigte, eine "Spielwiese" außerhalb der Domäne der etablierten Fächer und ihrer „Wächter“, war eine direkte Konfrontation mit den in meiner Veranstaltung untersuchten Arbeitsbereichen eigentlich ausgeschlossen. Für mich stand damit diese geplante Veranstaltung schlicht und einfach in der akademischen Tradition kritischer Analysen, aus der sich mein Grundrecht auf Lehrfreiheit ableitet.
Wie sich aber bald herausstellte, hatte ich damit das akademische Selbstverständnis meiner Kollegen falsch eingeschätzt: Im Februar 2009 teilt mir das für mein Lehrangebot zuständige Mitglied der Lehrplankommission mit, "daß die Lehrfreiheit nicht «schrankenlos»“ sei und daß "weder Personen noch Einrichtungen der Freien Universität Berlin ... durch eine ... Ankündigung einer Lehrveranstaltung ... Herabsetzung erfahren dürfen.“ Man sei daher "zu der ... Entscheidung gekommen, daß ein Lehrangebot unter dem von Ihnen gewählten Titel weder in einem der Prüfungsfächer noch unter der Rubrik «Ergänzendes Lehrangebot» angekündigt wird." In meiner Antwort wies ich den Kollegen darauf hin, „daß die sicherste Methode, das Ansehen des Studiengangs und Fachbereichs herabzusetzen, ist, auf diesem Weg der Verbots- und Zensurversuche fortzufahren". Kurz darauf schaltete ich das Rechtsamt der FU Berlin ein, das mir am 25. Februar mitteilte: "Die ... an Sie ergangene Nachricht der Lehrplankommission war ... keine rechtlich zulässige Entscheidung und wurde rechtsaufsichtlich aufgehoben." Im gleichen Schreiben wurde ich gebeten, "die noch ausstehende Entscheidung des Dekanats abzuwarten". Während ich noch auf diese Entscheidung wartete, gab es dann Anfang März eine neue Überraschung: auf der Homepage meines Fachbereichs "Erziehungswissenschaft und Psychologie" fand ich unter meinem Namen eine Veranstaltung angekündigt, mit einem vollständig "verwässerten“ Titel und einem absolut nichtssagenden Kommentar, die sich offensichtlich der vom Rechtsamt "zurückgepfiffene" Kollege als Ersatz für meine kritische Veranstaltung ausgedacht hatte. Bis heute hat sich der Dekan geweigert, mir den Namen dieses leicht zu identifizierenden Kollegen offiziell mitzuteilen. Erst eine Woche später und nach scharfem Protest wurde diese gefälschte Ankündigung wieder gelöscht. Für mich war zwar die "akademische Luft" an meinem Fachbereich seit vielen Jahren "kontaminiert", aber von nun ab löste sie bei mir regelrechte Erstickungsanfälle aus.
Und nun das "Gran Finale" dieser "soap-opera" zum Thema "Lehrfreiheit": Am 11. März kommt endlich die so heiß erwartete Entscheidung des Dekans. Wortlaut: "Das Dekanat hat in seiner Sitzung am 4.3. nach Rücksprache mit den zuständigen Fachkollegen beschlossen, Sie zu bitten, im Rahmen Ihrer Titellehre im kommenden Sommersemester eine Vertiefungsveranstaltung im Diplomstudiengang entweder zu "Multivariate Datenanalyse" oder "Evaluationsforschung" anzubieten. Durch das Ausscheiden von Frau Kollegin ... gibt es gegenwärtig einen Engpaß in der Methodik. Da Sie jahrelang ... Methodenlehre angeboten haben, hoffen wir, damit ein Arbeitsfeld gefunden zu haben, das auch Ihrem fachlichen Schwerpunkt besonders entspricht“. Um eine kritische Veranstaltung zu verhindern, wird also nicht davor zurückgeschreckt, mich zu einer Pflichtveranstaltung zur Methodenlehre "nötigen" zu wollen, zu einem Arbeitsbereich also, aus dem ich seinerzeit mit allen Mitteln vertrieben wurde (s.o.) und den ich seit über 10 Jahren für mich abgeschlossen habe.
Ich könnte mich krumm lachen, wenn das nicht so deprimierend und erschreckend wäre: Zeuge der Scham-Losigkeit zu sein, mit der hier die Psychologie der FU Berlin ihren Ruf demontiert, eine Psychologie, die noch vor 20 Jahren und weit über Deutschland hinaus ein wichtiger Bezugspunkt für Forschung, Lehre und Innovation in diesem Fach war.

Eckart Leiser

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